Interview with Marco by Walls of Fire (D) 25.5.2002
Wenn man von Schweizer Metalbands reden möchte, die etwas härter klingen, als es für Chartplatzierungen zulässig wäre, wird das eine kurze Sache, jedenfalls dann, wenn man die Situation nur von aussen betrachtet. Innerhalb der Schweiz tut sich allerdings einiges, und ab und zu rafft sich schon mal eine helvetische Truppe dazu auf, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und die Flucht nach vorne anzutreten. Mehr als schiefgehen kann's schliesslich nicht, denn selbst wenn dem so wäre, haben diese Bands nichts zu verlieren. Die heimische Basis bleibt ja schliesslich erhalten, und so gesehen gibt es keinen Grund, vor diesem Schritt zurückzuschrecken. So sieht das jedenfalls Marco Huber, seines Zeichens Gitarrist von Slaine, und eigentlich gibt es keinen Anlass, sich dieser Meinung nicht anzuschliessen ...
Beschreibe doch mal kurz in 30 Sekunden die Band Slaine. Wer seid Ihr, woher kommt Ihr, was ist Euch bei Slaine wichtig?
Wir kommen aus Glattfelden bei Zürich. Auf den ersten Höreindruck hin könnte man uns als Death Metal Band mit verschiedensten Einflüssen bezeichnen, wobei letzere eher marginal sind. Wir wollen mit unserer Musik Spass haben und diesen Spass wie auch unsere Emotionen anderen Leuten weitervermitteln und damit eine riesengrosse Party bieten. Bleibt nur noch zu sagen, dass wir uns auf die Zukunft mit dieser Band freuen.
Ihr bewegt Euch mit Eurer Musik ja auch irgendwo zwischen den Stühlen. Ihr habt einen gewissen Anteil an Melodien, seid aber keine melodic Death Metal Band. Gleichzeitig gibt es in Eurer Musik auch sehr harte, straighte Passagen, und dennoch seid ihr keine klassische "Prügeltruppe". Das macht es auch ein bisschen schwierig, Slaine zu definieren, sicherlich auch für Euch selbst. Habt ihr Euch darüber schon mal Gedanken gemacht?
Das war natürlich ein Thema, als wir die anstehende Promotion-Aktion vorbereitet haben. Wie verkaufen wir uns? Wie definieren wir uns? Es ist ja so, dass du dem Publikum respektive den Adressaten einen ersten Input liefern musst, in welche Richtung du mit Deiner Musik gehst. Dadurch, dass wir beim Songwriting ohnehin keine Tendenz verfolgen sondern einfach nur das tun, was uns Spass macht und wir subjektiv gesehen für gut oder passend befinden, können wir uns selbst auch sehr schlecht definieren. Daher haben wir versucht, einen eigenen Begriff für unsere Musik zu kreieren, "Swiss Kick Ass Death Metal", wie du vielleicht in den Promounterlagen gesehen hast. Es ist natürlich schon sehr gewagt, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen und unsere Musik als etwas "Neues" darzustellen. Aber wenn uns Aussenstehende beurteilen, hören wir oft: "Ihr macht Kick Ass Death Metal". Dies halte ich für eine passende Bezeichnung, denn genau das wollen wir mit unserer Musik auch erreichen.
Euer neues Demo heisst "NON", was wahrscheinlich einer der kürzesten Plattentitel der Musikgeschichte sein dürfte. Was bedeutet er? Nichts? Steht eine spezielle Message dahinter? Ist er zur eigenen Interpretation freigegeben?
Früher haben wir quasi alles zur eigenen Interpretation freigegeben. Aber wir merkten, dass dies von den Leuten nicht mal sonderlich geschätzt wird, sondern dass sie es mehr mögen, wenn man ihnen etwas auf die Sprünge hilft. "NON" ist ein Titel, hinter dem sich absolut nichts verbirgt. "NON" steht für "Anti" oder das amerikanische "un-" und kann für vieles stehen. Beispielsweise für "Nonkulanz" oder meine Lieblingsinterpretation davon - Non... !!!CENSORED!!!! (insbesondere für unsere jüngeren Leser zur eigenen und hoffentlich schmuddellosen Interpretation freigegeben - Verf.). "NON" ist zudem auch vom Klang und vom Charakter her ein sehr ausdrucksstarkes Wort. Eigentlich wollten wir zuerst hinter dem durchsichtigen CD Tray alle Ausdrücke auflisten, die uns zu "NON" in den Sinn kamen, aber schlussendlich liessen wir den Titel als reines Schlagwort stehen.
In unserem letzten Interview hast du mir erzählt, dass beim ersten Demo "Portal" die Aufnahmen deutlich länger als geplant gedauert hätten, weil zwar jeder Einzelne sein Material beherrschte aber das Zusammenspiel noch nicht so ganz funktionierte. Wie war die Situation bei "NON"?
Haha.
Genau gleich?
Genau gleich ist nicht ganz richtig. Die grössten Fehler bei den "Portal"-Aufnahmen waren uns natürlich noch in Erinnerung, und zu einem grossen Teil konnte wir diese dieses Mal vermeiden. Bezüglich gewisser Details sind wir allerdings wieder auf die selben Hindernisse gestossen. Die Aufnahmen dauerten abermals etwas länger als geplant, da wir ja auch unsere Ansprüche heraufgesetzt hatten. Wir mussten feststellen, dass jeder seine Stärken und seine Schwächen hat und nicht jeder Mensch gleich ist. Das ist alles eine Frage der Motivation, der Verfassung, der Übung und natürlich auch der Kommunikation. Zudem hatten wir eine wirklich professionelle Studioumgebung zur Verfügung. Es gab auch Tageslicht und Fenster, die zum Wald raus gingen. Dadurch fühlten wir uns nicht so eingepfercht.
Das ist ja ein Punkt, den ihr immer wieder hervorhebt - die Verbundenheit zur Natur und der Mystik. Du hast ein Auto, spielst eine elektrische Gitarre ... ein Öko scheinst du mir nicht gerade zu sein.
Ich kann das natürlich nur für mich selbst beantworten, da wir diesbezüglich keine einheitliche Linie in der Band haben. Sowas wie "wir sind alle Naturfreaks" oder "wir machen's nur mit Jute-Kondomen" gibt es bei uns nicht. Das Wort Natur steht für mich im Kontrast zu der modernen Gesellschaft. Die Natur repräsentiert das Ego und die Ich-Bezogenheit, die moderne Gesellschaft den Massendrang und die Oberflächlichkeit. Die Emotionen, die du hast, sind total verschieden, je nachdem, ob du gerade unter Leuten oder ganz für dich alleine bist. Die meisten Leute haben ja sogar Angst davor, alleine zu sein. Angst vor den Gedanken, die sich
dabei entwickeln könnten. Wie gesagt, so interpretiere ich das für mich selbst. Andererseits haben wir wiederum einen Schlagzeuger, der nichts lieber tut, als im Wald zu schlafen und seinen Urlaub irgendwo in der Natur zu verbringen. Slaine an sich haben aber keinen "grünen Aspekt" als Band und auch keinen Leitsatz wie "save the rain forest" oder sowas, obwohl wir
natürlich solche Sachen gut finden und auch die Notwendigkeit sehen, dass man im Rahmen der Vernunft mit der Natur zusammenlebt und zu ihr Sorgen tragen muss.
Wenn man sich das gesamte "NON"-Paket betrachtet, das Cover, die neue Webseite, die entsprechende Produktion etc., entsteht der Eindruck, dass ihr dieses Mal alles viel ernster und professioneller angehen wollt.
Ja, das ist mit Sicherheit so, und ich persönlich forciere diesen Weg auch sehr stark. Wir haben von "Portal" 500 Exemplare machen lassen. Wir verkauften oder verschenkten sie, entweder an Freunde oder an Fans. Reviews davon gab es lediglich vier. Wir wollten mit "Portal" schon etwas erreichen, wussten aber nicht, wie wir das Ganze angehen sollten. Mit "NON" ist es uns aber ein grosses Anliegen, unsere Grenzen auszuloten und uns professionell bei Plattenfirmen und Veranstaltern zu präsentieren. Das lief schon fast betriebswirtschaftlich ab. Wir formulierten eine Vision und unserer Ziele, arbeiteten eine Strategie aus und befinden uns nun innerhalb
der einzelnen Operationsschritte.
Und was sind die letzten Operationsschritte respektive Eure Ziele?
Wir möchten uns gerne unsere Konzerte aussuchen können, um dorthin zu fahren, wo es uns auch wirklich Spass macht. Das ist uns im letzten Jahr eigentlich schon sehr gut gelungen, obwohl "NON" noch gar nicht draussen war. Das zweite Ziel, das besonders wichtig für uns ist, lautet Feedbacksammlung. Wir möchten von den Leuten hören, wo wir stehen. Wir sehen uns selbst ja auch, haben Spass an unserer Musik und finden das gut, was wir machen. Aber wie sieht es von aussen aus? Diese Meinungen sind uns sehr wichtig, auch wenn sie sicherlich nicht eine Richtungsänderung zur Folge haben werden, da Slaine ohnehin eine Symbiose von fünf Leuten ist, die alle selbst wissen, was sie wollen. Und das dritte Ziel geht ganz klar in Richtung Labeldeal.
Dann lass uns mal die zwei möglichen Wege nennen, die daraus entstehen könnten. Einerseits könnte es klappen, aber das würde dann bedeuten, dass Ihr effektiv auch dazu bereit sein müsstet, weil dann das Leben mit der Band Slaine ganz andere Dimension annehmen würde. Andererseits könnte sich kein Schwein für Euch interessieren. Schliesslich muss man sich auch auf diese Situation vorbereiten.
Wir haben uns sicherlich Gedanken darüber gemacht. Die grösste "Sorge", die wir hatten, war, wenn jemand auf uns zukäme, um uns einen Plattenvertrag anzubieten, vielleicht für eine CD mit der Option für drei weitere und eine Tournee, nur mal so als Beispiel. Ich erklärte den anderen Bandmitgliedern, dass sie darauf vorbereitet sein müssten, da dies im "best case" passieren könnte. Doch wir sind alle sehr motiviert, Musik zu machen und auch für die Musik zu leben. Wir geben uns allerdings auch nicht der Illusion hin, jemals mit der Musik unseren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Aber wenn die Chance besteht, dass wir etwas grösser werden könnten und dadurch die Arbeit bei Slaine intensivieren müssten, werden wir das auch tun. Unsere Arbeitgeber würden uns sicherlich mit unbezahltem Urlaub etc. entgegenkommen. Ansonsten sind wir in einem Alter, in dem wir im schlimmsten Fall nachher auch wieder einen anderen Job finden würden, denn bis auf eine Person hat bei uns jeder seine Ausbildung bereits abgeschlossen. Aber wie gesagt. Keiner von uns gibt sich der Illusion hin, er könne sich irgendwann von der Musik einen Ferrari kaufen oder sich seine eigenen Pool-Bunnies leisten (letzteres geht leider auch mit der Schreiberei nicht, Marco - Verf.). Dann gibt es natürlich noch die Kehrseite, den "worst case", was man allerdings auch positiv sehen sollte, denn dann hätten wir wieder mehr Zeit für uns selbst und unsere Berufswelt. Wir haben uns ja bereits eine Basis mit Slaine geschaffen. Wir geben Konzerte, konnten uns sogar im Proberaum ein kleines Studio einrichten und haben eine Menge Spass mit unserer Musik. Auf uns lastet kein Druck. Auch die Ist-Situation ist bereits sehr angenehm für uns. Im "worst case" würden wir uns halt einfach in dieser weiterentwickeln. Wir haben nicht wirklich Angst vor schlechten Kritiken, denn Musik ist ja auch sehr geschmacksabhängig und sogar im extremen Metalbereich oft eine Modesache. Ich erinnere an den Black Metal oder an den Brutal Death, der jetzt gerade besonders gut dasteht. Wir selbst bewegen uns stilmässig eigentlich ziemlich nah am old school Death Metal.
Lass uns noch etwas über die schweizerische Underground Szene sprechen. Im Vergleich zu der in Deutschland, wo es bedeutend mehr Labels, Auftrittsmöglichkeiten etc. gibt, sind die Chancen hier sehr viel kleiner, mit Metal etwas zu erreichen. Schaut man da ab und zu mit ein
bisschen Neid über die naheliegende Grenze? Wie siehst Du die Schweizer Metal Szene selbst? Schon aufgrund unserer Viersprachigkeit kann man ja gar nicht von einer einheitlichen Szene reden, oder?
Ich kann eigentlich nur von der extremeren Metalszene sprechen. Dazu muss ich vielleicht noch sagen, dass unser Gitarrist mit der Keyboarderin von Ipsum, einer Band aus der Welschschweiz (französischsprechender Teil der Schweiz - Verf.), liiert ist, und von daher haben wir auch sehr gute Kontakte dorthin. Die Sprachbarriere besteht für uns lediglich in Richtung Tessin (italienischsprechender Teil der Schweiz - Verf.). Von Neid gegenüber den Deutschen kann man eigentlich nicht reden, denn dort gibt es auch viel mehr Bands, und im Verhältnis haben die es auch nicht leichter, Anerkennung zu erhalten als wir, und die bekommst Du in der
Schweiz auch, wenn deine Band gut ist. Die Schweizer Metal Szene überzeugt mich durchaus. Ich kann das auch nur schlecht vergleichen, weil ich eigentlich nur sehr wenige bis gar keine Kontakte zu Bands aus Deutschland habe. Die Apokalyptischen Reiter kenne ich ein wenig
näher, aber die sind ja schon ziemlich gross da drüben.
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